
Regelmäßig kommt es zu Überschwemmungen im Plangebiet. Symbolfoto. (Quelle: ChatGPT).
Das Viertel leidet schon seit Jahrzehnten unter wiederkehrenden Hochwasserereignissen.
Das Kanalsystem aus den 1960er Jahren war von Anfang an unzureichend auf Starkregenereignisse ausgelegt. Damals musste ein Kompromiss gefunden werden zwischen dem geringen Gefälle im Seligenstädter Stadtgebiet und dem Umstand, dass die alten, runden Kanalquerschnitte auch in Trockenzeiten dennoch ausreichend gespült wurden, um Geruchsbelastungen zu vermeiden. Daher wurde bei der Anlage des Viertels in den 60er Jahren ein Querschnitt gewählt, der zwar Fehlgerüche in Trockenzeiten vermeidet, aber mit den heutigen Starkregen-Ereignissen überfordert ist. Heutzutage gibt es andere Lösungen für das Problem, angefangen von anderen Kanalquerschnitten bis hin zu Smarter Steuerung & aktiver Regulation.
„Moderne“ Kanalquerschnitte (*teilweise auch schon seit über 30 Jahren bekannt), die für problematische Abwasserführungen geeignet sind. (Quelle:DIN4263:1991)
Heutzutage und in Zukunft nehmen leider die so genannten „Jahrhundertregen“-Ereignisse stetig zu, was schon jetzt zu erheblichen finanziellen und emotionalen Belastung für die Bevölkerung im Plangebiet führt.
Allein in den letzten zehn Jahren kam es mehrfach zu Starkregenereignissen, u. a. am 30.05.2016, 24.07.2016, 22.08.2021 und 02.05.2024. Die daraus resultierenden Schäden waren teilweise erheblich.
Auch das Umweltgutachten der Stadt Seligenstadt kommt zu dem Schluss, dass unser Viertel in einem Gebiet „mit erhöhtem Starkregenrisiko„ liegt.
Wenn man jetzt allerdings dem Glauben verfallen sollte, dass die Stadt dies bei der Planung berücksichtigt hätte, ist man auf einem Irrweg. Vielmehr heißt es in der Begründung zum Bebauungsplan auf Seite 12 (siehe Hervorhebung):
Im Starkregenviewer des Landes Hessen sind Informationen über die Gefährdung von Gebieten durch Starkregenereignisse und über potenzielle Fließpfade, die bei einem Starkregenereignis gefüllt werden, einsehbar. Das Plangebiet liegt danach in einem Bereich mit erhöhtem Starkregenrisiko. Die Vulnerabilität, also das Risiko für Menschen und Einrichtungen in dem Bereich, ist nicht erhöht.
Wie man angesichts zahlreicher Feuerwehreinsätze in der Vergangenheit – teilweise sind manche Anwohner noch heute mit Renovierungsarbeiten aufgrund der letzten Überschwemmung im August 2024 beschäftigt – von keiner „erhöhten Vulnerabilität“ für die Bürger sprechen kann, lässt sich eigentlich nur auf eine Arten interpretieren: Man ignoriert wissentlich das im eigenen Gutachten benannte Risiko.
Auf Rückfrage bei Stadt und Regierungsfraktionen bekamen wir jedenfalls nur die Antwort: „Kanalarbeiten sind im Südring derzeit nicht geplant und auch nicht Teil des neuen B-Planes.„
Der neue Bebauungsplan enthält keine einzige Maßnahme der Stadt, um den
genannten Risiken entgegenzuwirken. Stattdessen wird die Verantwortung für die Ableitung von Niederschlagswasser ausschließlich auf die Anwohner verlagert. Im Bebauungsplan heißt es hierzu auf S. 4 nur:
Gemäß § 37 Abs. 4 HWG soll Abwasser, insbesondere Niederschlagswasser, von demjenigen, bei dem es anfällt, verwertet werden, wenn wasserwirtschaftliche und gesundheitliche Belange nicht
entgegenstehen. Niederschlagswasser soll darüber hinaus in geeigneten Fällen versickert werden.
Es ist jedoch völlig praxisfern anzunehmen, dass Anwohner selbst bei einem vollständigen Neubau in der Lage wären, ausreichende Maßnahmen zu ergreifen, um bei Starkregenereignissen mit Niederschlagsmengen von bis zu 70 l/m² innerhalb weniger Stunden eine vollständige Versickerung des Niederschlagswassers auf dem Grundstück sicherzustellen. Eine derartige Belastung würde jede übliche Rigole oder vergleichbare Versickerungsanlage überfordern.
Es liegt auf der Hand, dass das bestehende Entwässerungssystem, das bereits heute an seiner Leistungsgrenze arbeitet, selbst bei einer sogenannten „mäßigen Verdichtung“ noch stärker überlastet sein wird. Hinzu kommt, dass die Häufigkeit von Starkregenereignissen durch die globale Klimaerwärmung weiter zunimmt. Es ist zudem völlig unrealistisch anzunehmen, dass allein private bauliche Anpassungen zukünftiger Bauvorhaben dieses grundlegende strukturelle Problem beheben könnten. Folglich ist davon auszugehen, dass das System noch häufiger und früher an seine Grenzen geraten wird.
Wir fordern daher: Bevor die Stadt weitere Verdichtungsmaßnahmen in Betracht zieht, muss zunächst ein nachhaltiges und belastbares Entwässerungskonzept entwickelt werden, das die Bürgerinnen und Bürger im Viertel wirksam vor Überflutungen schützt. Solange bei Starkregenereignissen das Wasser zentimeterhoch aus den Gullideckeln austritt und über die Straßen in Keller und Grundstücke läuft, sollte über eine zusätzliche Verdichtung nicht einmal nachgedacht werden.

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